Design im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie

Design der DDR 

Kupfersuche in Brandenburg, Ölbohrungen in Niedersachsen – solche eher skurrilen Folgen weltweit steigender Rohstoffpreise erinnern uns, die wir die Endphase der DDR erlebt haben, fatal an die Kupfergewinnung im Mansfelder Land oder den Braunkohleabbau in der Lausitz – Unternehmungen, die womöglich im Mikrokosmos DDR sinnvoll erschienen, aber letztlich ökonomische und ökologische Desaster waren. 
Mit welchen Strategien, Konzepten und Entwürfen begegnete das Design in der DDR dem Mangel an Ressourcen, welche Lösungen wurden vorgeschlagen? Wie verhielten sich Designer dazu? Was fangen wir heute damit an, dass zum Beispiel die Frage, wie viele Schriften der Mensch (in der »entwickelten sozialistischen Gesellschaft») braucht schon einmal beantwortet war: weniger als fünfzig. Ein Beispiel für Design, das Knappheit und Haltbarkeit bedenkt, sind Gestaltungsansätze wie das »Offene Prinzip« von Clauss Dietel und Lutz Rudolph. Durch die Baukasten-Idee gewährleistet es eine größtmögliche Offenheit gegenüber technischen und technologischen Erneuerungen: einzelne Baugruppen oder -teile sind austauschbar und können umgestaltet werden. Bekannt wurde das Konzept beim Zweirad S 50, das durch seine offen gelegte Struktur, leicht gewartet, repariert und neunen Moden entsprechend umgebaut werden konnte. Ein Musterbeispiel für Nachhaltigkeit.

Vieldiskutiertes Thema neu betrachten

Gegenstände aus der DDR werden heute entweder als exotische Kultobjekte oder sentimentale Erinnerungsstücke betrachtet. Sie stehen symbolisch für die Produktkultur der DDR und werden gleichgesetzt mit Mangelwirtschaft, schlechter Qualität, schlechtem Design - entsprechend bleibt das Design der DDR aus dem »Design Lexikon Deutschland« ausgeklammert, seriöse englischsprachige Publikationen zum Thema gibt es bislang nicht. Dass es in der DDR eine differenzierte Gestaltungskultur gab, die sich intensiv mit der Herausforderung knapper ökonomischer und ökologischer Ressourcen  beschäftigte, ist weitgehend unbekannt.

Der Zeitpunkt des Projektes

Warum »DDR-Design« gerade jetzt? Ein formaler Anlass ist das 20-jährige Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung 2010. Ausschlaggebender ist: Die Quellen für die Suche versiegen. Design- und Modezeitschriften wie »Form und Zweck» oder »Sybille« sind kaum zugänglich oder als Raritäten in Universitätsbibliotheken nicht erhältlich, oder sie sind – wie das einzige Standardwerk zum Thema DDR-Design, das Buch »Gestalten für die Serie« des Designtheoretikers Heinz Hirdina – vergriffen. Autobiografien von DDR-Designern, gibt es nicht. Jene, die sich in der DDR intensiv mit Ressourcenmangel, Energieeffienz und Machbarkeit im Design auseinandergesetzt haben, werden aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters bald nicht mehr zur Verfügung stehen. Noch können wir sie befragen.

Die Haltung der Autoren

Design betrachten wir als Prozess einer Problemlösung und als Antwort auf eine Frage. Fragen sind gesellschaftlich determiniert – Fragen an das Design waren in der DDR zwangsläufig andere als gleichzeitig in der BRD. Uns geht es aber nicht darum, das Design der DDR oder einzelne Designer zu rehabilitieren. Für uns geht es um die Frage, wie eine Gesellschaft eine Balance zwischen dem Ideal der Vielfalt und der Notwendigkeit, Ressourcen sparsam zu bewirtschaften finden kann – also um die gesellschaftliche Verantwortung von Design. Konkret gefragt: Wurden im Design der DDR praktische und theoretische Ansätze entwickelt zum planvollen Umgang mit Ressourcen entwickelt? Wo waren ihre Grenzen und wo liegen ihre Möglichkeiten? Unter den veränderten Parametern der Gegenwart – wie weltweit steigenden Rohstoffpreisen – könnten sie für unsere Zukunft von Interesse sein.  

Mit welchen Strategien, Konzepten und Entwürfen begegneten Designer in der DDR dem damaligen Ressourcenmangel? Gab es Lösungen für dieses Problem, das heute nicht nur ein kleines Land, sondern die ganze Welt beschäftigt? Diese Fragen stellten die Designjournalistin Hannah Bauhoff http://www.hannahbauhoff.de/und das Gestalterkollektiv anschlaege.de http://anschlaege.de/ acht renommierten, ostdeutschen Gestaltern aus unterschiedlichen Disziplinen an einem ungewöhnlichen Ort: dem Depot der Sammlung Industrielle Gestaltung in Berlin-Spandau, wo mehr als die Hälfte der 80.000 Sammlungsobjekte in Kisten eingelagert sind.
Antworten auf ihre Fragen sowie die Reaktion der Gestalter auf das Depot, welches deutlich symbolisiert, dass DDR und ihr Design inzwischen ein abgeschlossenes Kapitel ist, veröffentlichen Hannah Bauhoff und Steffen Schuhmann nach und nach auf dieser Internetseite. 

Aus 50 Stunden Filmmaterial und etlichen Fotos suchen sie die Sequenzen heraus, in denen ihre Interviewpartner vielleicht am deutlichsten ihren Designansatz und ihren ästhetischen Lösungen zu den Fragen nach Ökonomie und Ökologie beschreiben. 

Globalisierung. Das prägnanteste Schlagwort für unsere Zukunft. Ressourcenmangel. Ein weiteres Schlagwort, das inzwischen die westlichen Gesellschaften herausfordert, neue Lösungen zu finden. Denn gerade heute, wo Globalisierung Angleichen der Lebensgewohnheiten bedeutet, wo Märkte schneller auf Schwankungen bei Rohstofflieferungen reagieren und Auswirkungen sofort zu spüren sind, stellt sich die Frage nach effizienten, nachhaltigen Lösungen. Auch und gerade im Design. Denn: Inwieweit kann der Design ethisch eine Produktvielfalt und damit einen Ressourcenverbrauch legitimieren? Oder anders ausgedrückt: Wie viele PKW-Typen braucht der Mensch? Diese Fragen sind nicht neu. Antworten hat es darauf bereits gegeben, nur sind sie – zumindest den meisten – unbekannt. Schuld daran ist die Rezension, denn Ressourcenmangel war in der DDR Realität und damit Motor für neue Designkonzepte. Doch noch immer wird DDR-Design mit Mangelwirtschaft und schlechtem Gestaltung gleichgesetzt. War das wirklich so?